Erfahrungsbericht des 1. UNITER Eignungsfeststellungsverfahren

Am frühen Abend die Ankunft in der Kaserne in Mosbach, einem ehemaligen BW Gelände, das heute der Ausbildung für Behörden und von Rettungshunden dient. Einige bekannte und viele neue Gesichter erwarteten mich. Nach dem Beziehen der Stube und der Kontrolle meines Rucksacks gesellte ich mich wieder zu den anderen. Entspannte Gespräche, Spekulationen und Scherze über das was uns wohl erwarten würde. Als dann alle Kameraden da waren hieß es Aufstellen im Flur. Begrüßung, Einweisung und ein Ablaufplan, der zunächst einmal ein sehr entspanntes Wochenende versprach.

Bei dem folgenden Crashkurs: „Navigieren mit Karte und Kompass“ konnte ich bereits einiges mitnehmen, da das Thema für mich komplett neu war. Danach marschbereit mit Gepäck im Flur aufstellen. Abfrage von Allergien, gesundheitlichen Problemen, Einteilung des ersten Gruppenführers und seines Stellvertreters, dann ab nach draußen auf den Hof verlegen und die individuelle Doppelschrittzahl ermitteln, um im Feld damit navigieren zu können. Immer wieder gaben uns die Ausbilder verschiedene Aufgaben, einen Aufsatz, ein Motivationsschreiben und Rechenaufgaben, die wir in einem vorgegebenen Zeitfenster abliefern und uns wieder im Flur aufstellen sollten. Doch das war nur der Vorgeschmack.

Die unruhige Nacht wurde durch das viel zu frühe Wecken beendet und die befürchtete Abweichung vom Ablaufplan. Marschbereit im Flur aufstellen – und die Ausbilder breit am Grinsen. Am Startpunkt im Gelände erhielt der jeweilige Gruppenführer die ersten Koordinaten und musste den Zielpunkt auf der Karte bestimmen. Es ging ein Stück über einen Waldweg bis zu einem steilen Hang und diesen teils schräg laufend, teils kontrolliert rutschend hinab. Vorsichtig als Team, damit sich keiner gleich zu Beginn verletzt. Am Fuß des Hangs war ein Bach, der zum Glück kein Wasser führte. Rein, eine Weile im Bachbett laufen und den Hang auf der anderen Seite wieder hoch: der erste Zielpunkt war erreicht. Von hier aus mit einem neuen Gruppenführer und Stellvertreter wieder die Koordinaten auf der Karte finden und die Route festlegen. Doch von nun an erwarteten uns immer wieder neue zusätzliche Aufgaben und nach zwei weiteren Stationen hatten einige bereits mit den ersten Ermüdungen und Motivationstiefs zu kämpfen. Also wurde das Tempo reduziert damit wir als Team durchkommen. Unterwegs immer schön an die Aufgaben denken, Formation halten und auf Feindkontakt vorbereitet sein.

Als ich bei einer Aufgabe patzte, hieß es 10 Burpes für mich. Das gesamte Team hat sich zu mir gesellt und mitgemacht. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Ein Wahnsinnsgefühl, wenn einem vor kurzen noch völlig fremde Menschen so zur Seite stehen!

Bei der zehnten Koordinate gaben wir uns nur kurzzeitig der Hoffnung hin, dass dies das Ziel sei und wir endlich zu den versprochenen Steaks kommen würden, stattdessen ging es jetzt erst richtig zur Sache. Auf Anfrage der Ausbilder schickten wir unsere beiden körperlich am meisten erschöpften Teammitglieder zu einem „Gespräch mit einem V-Mann“. So wurden diese geschont und das restliche Team musste in seiner Geschwindigkeit weniger Rücksicht nehmen.

Der Schlafentzug, der Mangel an Nahrung, kaltes Wasser, die Strecke mit ihren Höhenmetern und auch die Aufspaltung des Teams, ohne zu wissen was mit den Kameraden passiert, forderten immer deutlicher ihren Tribut. Die Truppe marschierte weiter, wir nahmen den Erschöpften des Teams ihre Rucksäcke ab und wechselten uns damit ab, diese zusätzlich zu tragen.

Ohne die Kameraden, das gegenseitige Motivieren, das sich gegenseitig aus Löchern ziehen und anspornen, das Feixen und das Erinnern, warum wir hier sind und wohin wir wollen, hätte es vermutlich keiner von uns ins Ziel geschafft.

Vom letzten Punkt an begann mein ganz persönlicher Horror. Ich wurde Gruppenführer und musste die Gruppe sicher in die Kaserne zurückbringen. Einige von uns waren so am Ende, dass ich befürchtete, dass sie mir jeden Moment umkippen würden und keiner war mehr fit genug, für die anderen zu tragen. Ich hatte Angst davor, den falschen Weg für die Truppe zu wählen und spürte die Last der Verantwortung, die mit Führung untrennbar verbunden ist. Ich hatte das Gefühl, dass von meinen Entscheidungen der Sieg oder die Niederlage des ganzen Teams abhing. Ich bin mir sicher, dass jeder Gruppenführer vor mir mit den gleichen Gedanken gerungen hat als sie ihre entsprechenden Entscheidungen treffen mussten. Die letzten zwei Kilometer waren reines Durchbeißen und eine Willensprobe. Das Scherzen war uns allen vergangen, ich wollte bei jedem Schritt einfach nur umfallen und schlafen, jeder Muskel, auch diejenigen die ich vorher gar nicht kannte, brannte wie Feuer. Wann immer einer von uns die Energie aufbringen konnte, rief er an das Team gerichtet einen Durchhaltebefehl: Gleich geschafft – noch etwas Beißen – wir ziehen das zusammen durch – das Wolfsrudel bleibt zusammen!

Ich war unendlich froh als ich mit der Truppe an der von mir angepeilten Kreuzung ankam und somit die Bestätigung hatte, dass mein Weg richtig war. Nur noch den steilen Berg hoch, dann würden wir schon vor dem Tor der Kaserne stehen.

Jedes Teammitglied blickte sich immer öfter um und suchte den Blickkontakt der anderen. Wir waren soweit gekommen, hatten bereits soviel zusammen gelitten, dass das Aufgeben für niemand zur Diskussion stand und wenn wir uns gegenseitig ins Ziel schleifen müssten.

Irgendwann verschwanden auch die motivierenden Zurufe und uns blieb Knurren und Brüllen um einander zu zeigen, dass wir noch da sind und nicht bereit sind aufzugeben. Auch wenn unsere Körper schon vor Stunden gesagt hatten, dass sie nicht mehr können, schafften wir es noch einmal die letzten Reserven zu mobilisieren. Wer konnte gab noch einmal alles, stützte die Kameraden, schob sie am Rucksack oder nahm ihnen diesen ab.

Dann endlich, die Lichter der Kaserne oder vielleicht auch die Aussicht auf die Steaks gaben uns allen noch einmal einen richtigen Schub und wir schafften es gesammelt, stolz und glücklich ins Ziel.

Wir haben gelacht, gebissen und gelitten, aber vor allem haben wir es gemeinschaftlich in Teamarbeit geschafft. Ein großartiges Gefühl!

Hätte ich vorher gewusst, was alles auf uns zukommt, wäre ich mir sicher gewesen, dass ich es nicht schaffe. „Schluss, ich kann nicht mehr, lass den Mist“. Ein fetter Scheiß! Da gehen noch einige Stunden mehr! Wenn der Wille passt, ist der Schmerz egal.

Hätte mir am Freitag jemand gesagt, dass ich innerhalb eines Wochenendes so vielen großartigen Menschen begegne und ihnen vertrauen lerne, hätte ich herzlich gelacht. Ich hätte nie gedacht, dass in so kurzer Zeit aus sich zum Teil völlig Unbekannten ein Team wird auf das man sich verlassen kann und das eine derartig grandiose Leistung abliefert. Wir haben alle von der Team-Energie und der Kameradschaft gezehrt. Wir haben uns alle zusammen motiviert, uns aus Motivations- und Kraftlöchern geholt, uns durchgebissen und es zusammen geschafft.

Mein Dank geht an diese Teams, die Ausbilder und Organisatoren, die diese Eignungsfeststellung so unbeschreiblich intensiv auf allen Ebenen gemacht haben. Die Gelegenheit in Mosbach zu trainieren, aber auch die Qualität der Vorbereitung und Durchführung durch die Firma OPCON (www.opcon-germany.de) waren absolut beeindruckend.

Mein Vertrauen und Respekt ist allen Kameraden sicher. Ich bin stolz darauf, ein Teil des Wolfsrudels sein zu dürfen.

 

Semper fidelis