Gedenkandacht für die Opfer des Anschlags am Berliner Breitscheidplatz

Zwölf einzelne Glockenschläge werden nachher an die zwölf Menschen erinnern …
Gedenkandacht für die Opfer des Anschlags am Berliner Breitscheidplatz

19. Dezember 2016, ein Tag, wie jeder andere im Berliner Vorweihnachtsgeschäft. Reges Treiben kennzeichnet den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz inmitten der City. Niemand ahnt, welche Ereignisse im Hintergrund stattfinden und was geschehen wird.

Gegen 19.30 Uhr sendet der 24-jährige Tunesier Anis Amri eine Nachricht an seinen Instrukteur: „Ich bin jetzt in der Karre. Bete für mich, Bruder.“ Antwort: „So Gott will.“ Der Sattelschlepper verlässt seinen Parkplatz am Friedrich-Krause-Ufer. Der polnische Lkw-Fahrer Lukasz Urban (37) ist zu diesem Zeitpunkt bereits tot.

Um 20.02 Uhr fährt Amri mit dem Lastwagen von der Hardenbergstraße kommend ungebremst in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche. Der Lkw zerstört Buden und überrollt zahlreiche Besucher. Die automatische Vollbremsung des LKW, die auf Hindernisse reagiert, verlangsamt das Fahrzeug, es durchbricht aber dennoch die Budengasse zur Linken und kommt halb auf der Budapester Straße zum Stehen. Amri steigt aus dem Sattelschlepper und flüchtet. Zwölf Menschen werden aus dem Leben gerissen, 56 Opfer müssen mit teils schwersten Verletzungen in Kliniken gebracht werden. Insgesamt werden über 100 Menschen verletzt. Viele Menschen werden unfreiwillig Zeugen des schrecklichen Geschehens. Nein, das kann Gott so nicht gewollt haben!

Am 19. Dezember 2018 jährt sich dieses tragische Ereignis das zweite Mal. Wir können die Uhr nicht zurückdrehen oder Dinge ungeschehen machen. Aber wir können gegen das Vergessen ankämpfen. Wir können als Gesellschaft zusammenrücken, Hilfe anbieten, wo Hilfe benötigt wird und denen die Stirn bieten, die sich gegen uns stellen.

Am Abend hatte die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche zu einer Gedenkandacht geladen. UNITER war mit fünfzehn Mitgliedern vertreten und nutzte die Gelegenheit, im Anschluss an die Andacht kurz inne zu halten und einen Kranz an der Gedenkstätte niederzulegen. „In stillem Gedenken“ steht auf der Schleife. Die weißen Rosen symbolisieren Respekt, stehen aber auch für Entsagung und Abschied. Darüber hinaus symbolisieren sie aber auch einen Neuanfang und bedeuten sowohl Reinheit, als auch Unschuld.

Unser großer Dank geht an Pfarrerin Dorothea Strauß und Pfarrer Martin Germer für die beeindruckenden Worte. Das ist im Zusammenhang mit einem solch schrecklichen Ereignis gewiss nicht einfach. Dennoch haben beide es geschafft, zu erinnern und zu mahnen.

Zwölf einzelne Glockenschläge werden nachher an die zwölf Menschen erinnern, die hier vor zwei Jahren genau zu dieser Zeit so jäh aus dem Leben gerissen wurden: an die beiden Eltern, die wenige Minuten zuvor der Tochter noch ein strahlendes Foto vom Weihnachtsmarkt geschickt hatten; an die Ehefrau aus dem Rheinland, die sich so gefreut hatte über die gemeinsame Reise mit ihrem Mann und ihrem Sohn nach Berlin und an die Mutter aus Israel in ihrer Vorfreude auf die Hochzeit des Sohnes; an den Berliner Opa, den die neunjährige Enkeltochter so lieb hatte und an die Mutter aus Tschechien, die sich vielleicht schon überlegte, was sie ihrem kleinen Sohn später am Telefon erzählen könnte; an den Rechtsanwalt aus der Nachbarschaft, der die junge Kollegin gerade noch aus der Bahn des heranrasenden LKWs stoßen konnte – statt sich selbst zu retten – und an den freiwilligen Feuerwehrmann aus Ragösen; an den LKW-Fahrer aus unserem Nachbarland Polen, den der Attentäter zuvor schon ermordet hatte und der seiner Familie ebenso schmerzlich fehlt, wie die junge Italienerin ihren Eltern und Geschwistern, wie die Berliner Mutter ihrer ganzen Familie und wie der Lebenspartner seinem Mann, wo doch nun endlich das Dauervisum da war.

Zwölf Glockenschläge werden uns erinnern an jedes einzelne dieser zwölf Menschenleben und zugleich an die  vielen, die bei dem Mordanschlag schwer verletzt wurden. Und sie sollen uns erinnern an die vielen, in deren Seelen das Geschehene seine Spuren hinterlassen hat. In der Stille, die nachher auch auf dem Platz sein wird, wollen wir dieser vielen Menschen gedenken und Anteil nehmen am Leid aller, die mit ihnen getroffen wurden. Für sehr viele wird das Leben nie mehr so sein, wie es vorher war.

Eindrucksvoller hätte man das Geschehene kaum in Worte fassen können.

Das Leben jedoch geht weiter. Wir müssen auch darüber reden, dass diejenigen, die von so einem  Verbrechen betroffen sind, all das an Hilfe bekommen, was Staat  und Gesellschaft leisten können. Ob und inwiefern dies geschehen ist, darüber müssen die Betroffenen berichten. Es ist uns gelungen, Kontakt zu Astrid Passin, der Sprecherin der Opfer und Hinterbliebenen, aufzunehmen und unsere Hilfe und Unterstützung anzubieten. Welche Art von Hilfe benötigt wird, darüber muss künftig noch gesprochen werden.

Wir wissen, das Leben eines Soldaten ist geprägt von Kameradschaft und Zusammenhalt. Jeder steht für jeden seiner Truppe ein und niemand wird zurückgelassen. Lasst uns diese Werte wieder auf unsere Gesellschaft übertragen. Lasst uns denen helfen, die unsere Hilfe benötigen.

Geholfen haben Menschen auch an jenem Abend 2016: viele Ersthelfer, unter ihnen etliche Schausteller vom Weihnachtsmarkt und auch viele Besucherinnen und Besucher. Sie haben geholfen, dass Leben gerettet werden konnten, sie haben Verletzte getröstet und sie haben Sterbenden in den letzten Minuten ihres Lebens beigestanden. Und sie tragen diese schweren Erinnerungen in sich. Geholfen haben die Rettungskräfte, die bereits kurz nach dem Ereignis in großer Zahl am Ort waren. Überall in der Stadt hat Krankenhauspersonal sich sofort zum Dienst gemeldet. Wie schön wäre es, wenn wir uns von solchem Engagement alle eine Scheibe abschneiden würden – an welcher Stelle wir auch selbst für andere verantwortlich sind!

Das Weihnachtsfest steht vor der Tür. Lasst uns in einer ruhigen Minute darüber nachdenken, welche Rolle wir in unserer Gesellschaft gegenwärtig haben und welche wir im kommenden Jahr einnehmen wollen.

UNITER steht für Safety for Life, Education and Development. Das Netzwerk hat sich zusammengeschlossen, um Hilfe und Unterstützung zu geben – untereinander, aber auch gegenüber unserer Gesellschaft. UNITER verbindet Menschen mit gleichen Werten und Tugenden, ohne Ansehen ihrer Herkunft, ihrer Kultur oder ihres Glaubens. Dadurch sollen in einer weltweiten Gemeinschaft Sicherheit und Stabilität auf der Grundlage von Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und der Menschenrechte gefördert werden.

Wir wünschen allen ein gesegnetes und friedliches Weihnachtsfest.

In Eins verbunden!