Uniter e.V. Bericht – Survival Kurs 2019

Ein Erfahrungsbericht vom 28.06.2019 – 29.06.2019

„Harte Zeiten schaffen starke Männer. Starke Männer schaffen gute Zeiten. Gute Zeiten schaffen schwache Männer. Schwache Männer schaffen schwere Zeiten.“

An das oben genannte Zitat habe ich des Öfteren schon gedacht, doch während des von Uniter e.V. angebotenen Survival-Workshop wurde mir diese Tatsache nachdrücklich vergegenwärtigt. Doch fangen wir erstmal von vorne an….

Freitag, der 28.06.2019, 12:00 Uhr. Ein Freund und ich haben unsere Outdoorausrüstung gepackt und sind auf dem Weg ins schöne Schwabenland. Grund dafür ist die Teilnahme an einem von Uniter e.V. angebotenen Survivalworkshop. Da wir uns sehr für Outdooraktivitäten interessieren und uns im Bereich Survival schon relativ viel Wissen angeeignet haben, beschlossen wir, uns anzumelden. Nach unserer Odyssee durch den Stau des Stuttgarter Verkehrsraums Die spätere Aussage unseres Gastgebers: „In Stuttgart fährt niemand Auto, wir stehen einfach nur alle zusammen im Stau.“ fand ich sehr passend. Um ca. 15:00 Uhr erreichten wir einen kleinen Parkplatz am Waldrand. Von dort wurden wir von unserem Gastgeber J. abgeholt. Mit einem Aussehen wie ein echter Naturbursche dachte ich mir schon, dass ich viel von ihm lernen kann. Diese Vermutung wurde mir in den zwei Tagen auch bestätigt. Vom Parkplatz aus, gingen wir zu dem nahegelegenen Grundstück von J. Dort bot sich eine tolle Aussicht auf weite Felder, einen nahegelegenen Wald und eine große Scheune. Wir plauderten über unsere vorherigen Erfahrungen zum Thema Outdoor. In dem Zusammenhang erfuhren wir, dass unser Gastgeber J. Jäger ist, ein Thema, für das mein Kumpel und ich uns auch sehr interessieren. Nachdem wir so locker geplaudert hatten erreichte unseren Gastgeber die Nachricht, dass ein weiterer Teilnehmer eingetroffen sei. Dabei handelte es sich um einen Reporter der Frankfurter Allgemeine Zeitung, der den Auftrag hatte, einen Bericht über den Survival-Workshop und Uniter zu schreiben. Gemeinsam holten wie diesen vom Parkplatz ab. Man kam sogleich über seinen Beruf ins Gespräch und ob er Vorkenntnisse zu unserem Wochenendthema habe, was der Fall war. Wieder auf dem Grundstück angekommen und nach einer kurzen Vorstellung des Ausbilders und der Teilnehmer, begannen wir mit der Einleitung des Survival-Workshops. Dabei sollten wir zu allererst erzählen was wir unter dem Wort „Survival“ verstehen. Ich selbst habe immer angenommen, dass es sich dabei nur um das Überleben im Wald oder in unwirtlichen Gegenden handelt. Doch unser Gastgeber erklärte uns folgendes: „Eine Survivalsituation kann jederzeit passieren. Dabei geht er nicht von Bürgerkriegen oder sonstigen Endzeitszenarien aus, sondern von z.B. Autounfällen, verirren beim Wandern, vielleicht sogar mit einer Verletzung, ein Unglück im Urlaub, man verpasst nachts die letzte ÖPNV Verbindung oder einfach auch nur ein plötzliches Wetterchaos auf dem Arbeitsweg. Wir können immer wieder unvorbereitet in unserem Alltag mit Situationen konfrontiert werden, auf die wir nicht vorbereitet sind, in denen es vielleicht auch nicht immer direkt um das nackte Überleben geht aber die Grundprinzipien von „Survival of the fittest“ dennoch gelten.

„Survival of the fittest“ bedeutet nämlich nicht (!) der Stärkste überlebt, sondern der, der sich am besten an die Gegebenheiten anpassen und improvisieren kann.
Dabei ist es egal, ob es um eine unerwartete Frage in einem Bewerbungsgespräch, um eine plötzliche Marktveränderung als Unternehmer, um die Frage wie man einem Verwundeten am besten hilft oder ob man über ein Hindernis drüber oder drumherum geht, handelt. Am Ende gilt es immer die Situation schnell zu erfassen und anhand der eigenen oder im Team vorhandenen Fähigkeiten, Erfahrungen und des Wissens eine schnelle Entscheidung zu treffen. „Keine Entscheidung zu treffen ist immer ebenfalls eine Entscheidung, immer die Schlechteste“ haben wir gelernt. „Überleben“, auch im Sinne von Selbstständigkeit und Karriere, wird immer der, der seine Ressourcen richtig einsetzt, zügig und wohl überlegt handelt. Kreativität und Lösungskompetenz zeigt.
Der Ausbilder hat uns auch darüber aufgeklärt, dass es allgemein zwei Unterschiede zwischen den Survivalsituationen gibt: Will man gefunden werden oder nicht? Bzw. wie schaffe ich es, dass, wenn ich Hilfe benötige, ich entscheiden kann wem ich in meiner Notsituation vertraue und wer vielleicht eine Gefahr für mich und meine Gruppe darstellt?
Mit diesem sehr ausführlichen Gespräch starteten wir unseren Kurs. Als nächstes widmeten wir uns den verschiedenen Ausrüstungsgegenständen. Dabei handelte es sich um verschiedene Äxte, Messer oder Spaten. Auch die vielgerühmten Multifunktionswerkzeuge, die verschiedene Eigenschaften in sich vereinen, wurden besprochen. Letztendlich kamen wir zu der Erkenntnis, dass jedes Werkzeug seine eigene fachspezifische Nische hat und man einen möglichst guten Kompromiss und einen breiten Pool an Bewältigungsmöglichkeiten haben muss. Die Multitools können zwar viel auf einmal, aber auch das nicht wirklich richtig. Eine ausgewählte Kombination aus Werkzeugen, die zwar nicht alles können, aber das eine dafür richtig erweist sich als die beste Wahl.

Anschließend besprachen wir die Grundkenntnisse des Feuermachens. Die Faktoren für ein erfolgreiches Lagerfeuer sind: Sauerstoff, Brennstoff und eine Energiequelle. Wenn eines dieser Faktoren nicht oder nicht ausreichend vorhanden ist kann kein Feuer entstehen. Nachdem wir die Grundkenntnisse des Feuermachens besprochen hatten begaben wir uns in den nahegelegenen Wald, um geeignete Stöcke für die Zubereitung unseres Abendessens zu finden. Mit unseren Stöcken ausgerüstet kehrten wir zurück ins Lager. Nun lag es an uns ein Lagerfeuer zu machen, denn kalte Würstchen schmecken einfach nicht. Mit etwas rumprobieren schafften wir es ein Feuer in Gang zu bringen. In der Zwischenzeit erreichte auch der letzte Teilnehmer das Lager und gesellte sich zu uns ans Feuer. Als die Nacht langsam aufzog bemerkten wir, irgendetwas fehlt…Wir haben unseren Schlafplatz noch gar nicht aufgebaut.
Unser verschlagener Ausbilder hat uns extra keine Anweisungen gegeben, damit wir selbst lernen was man besser gleich erledigen sollte bevor man sich ausruht. So irrten wir im Dunkeln umher, um einen geeigneten Schlafplatz zu finden. Ich selbst hatte eine Hängematte dabei. Nachdem ich zwei geeignete Bäume gefunden hatte, spannte ich diese und war recht zufrieden mit meiner Arbeit. Mein Kumpel, der Ausbilder und der vierte Teilnehmer lagen jeweils auf einer Isomatte mit Schlafsack auf dem Boden und der Reporter baute sich mithilfe einer Plastikplane ein Tipi in das er sich zurückzog. Soweit so gut dachte ich und wir gingen alle schlafen. Mitten in der Nacht wachte ich auf und war völlig durchgefroren, bei uns in einer mittelgroßen Stadt in Hessen war es auch nachts zu dieser Zeit immer über 25 Grad. Aus diesem Grund dachte ich, eine Decke oder einen Schlafsack mitzunehmen wäre nur unnötiger Ballast. Doch im ländlichen Bereich belief sich das Klima auf ein wesentlich kühleres bei Nacht. Zum Glück hatte ich eine Rettungsdecke aus meinem erste Hilfe Kasten den ich dabei hatte. Ansonsten hätten die Jungs mich wohl übers Feuer halten müssen damit ich wieder auftaue….

Am Morgen wurden wir durch die aufgehende Sonne geweckt. Eigentlich nur einer, der im Dunkeln sich schnell einen Schlafplatz suchte und so mit den ersten Sonnenstrahlen direkt aus dem Schlaf gerissen wurde. Wir anderen wachten einer nach dem anderen auf und packten unsere Sachen zusammen.

Tag 2 war angebrochen und sollte sogleich beginnen.

Zuerst wurden wir im Kartenlesen eingewiesen. Dabei ist es wichtig, getreu nach dem Motto: „Ran an den Baum, rauf auf den Baum“, zuerst die X- und dann die Y-Achse zu bestimmen. Nachdem wir ein gewisses Grundverständnis erlangt hatten bekamen wir unsere Aufgabe für den gesamten zweiten Tag.

Folgende Situation: Wir sind aufgrund klimatischer Bedingungen gezwungen, eine neue Heimat zu finden. Daher müssen wir unsere Habseligkeiten, dargestellt durch eine große, beladene Metallkiste und unsere Rucksäcke, mit uns nehmen. Jeder der Teilnehmer wird die Gruppe anführen und dabei immer einen Stellvertreter haben. Die Aufgabe des Gruppenführers ist es, die vom Ausbilder gegebenen Koordinaten auf der Karte zu erreichen.

Ich meldete mich daraufhin freiwillig als erster Gruppenführer und so begannen wir unseren Marsch zu unserem ersten Ziel. Schon nach kurzer Zeit merkten wir, die Griffe an der Truhe sind nicht wirklich dazu geeignet, um diese daran auf einer langen Strecke tragen zu können. Daraufhin entschlossen wir uns, eine Trage bestehend aus zwei Stämmen zu bauen. Innerhalb kurzer Zeit fanden wir zwei passende Exemplare und verzurrten diese. Ein großes Dankeschön hier an unseren vierten Teilnehmer C., der aufgrund seiner Kenntnisse als Fleischer, unsere Stämme sehr solide verknotete. Mit unserer neu gebauten Trage ging es nun schon viel leichter und jeder stemmte einen Teil des Gewichts auf seinen Schultern.

Und so trotteten wir vor uns hin, unterhielten uns und genossen die schöne Natur. Leider waren meine Kartenkenntnisse doch eher bescheiden, weshalb wir etwas über das Ziel hinausliefen. Also drehten wir wieder um und fanden unser erstes Ziel. So glaubten wir jedenfalls…

An unserem Punkt angekommen bekamen wir vom Ausbilder neue Koordinaten, der Gruppenführer wurde gewechselt und weiter ging´s. Auf dem Weg zu unseren Zielen begegneten wir mehreren Wanderern und Passanten, die uns zum Teil freundlich und zum Teil etwas skeptisch anschauten, wie wir unsere Kiste, die auf ihrer Bahre nun doch etwas wie ein Metallsarg aussah, durch den Wald trugen. Nach einem längeren Marsch bergab, der durchaus angenehm war stoppten wir. Voller Stolz meldeten wir dem Ausbilder das wir das nächste Ziel erreicht haben, tja zu früh gefreut.

Der Ausbilder fragte uns, wo genau wir uns auf der Karte befinden. Unsere einstimmige Antwort war das Zeigen auf den als Ziel auf der Karte markierten Punkt. Das Kopfschütteln des Ausbilders verwirrte uns zuerst, doch als er auf unseren Punkt zeigte an dem wir uns befanden waren wir ernüchtert. Wir befanden uns auf dem völlig gegenteiligen Kurs zu unserem Ziel, wir mussten umkehren und den gesamten Weg wieder zurück marschieren. Ein flüchtiger Blick auf die Steigung, die wir wohlgestimmt nach unten liefen und jetzt wieder hoch mussten schien mir ein guter Ausgleich. Man muss aus den Fehlern lernen auch wenn es schmerzhaft wird! Nächstes mal nehmen wir uns bei jeder Abbiegung mehr Zeit das haben wir gelernt. So zogen wir wieder weiter vorbei an Orten, die wir bereits gesehen hatten doch unsere Laune war ungetrübt. Wir unterhielten uns und lachten zusammen und schulterten gemeinsam die Last und erreichten dann doch unser wirkliches Ziel. Dort angekommen wechselten wir wieder den Gruppenführer und bekamen ein neues Ziel. Doch davor hatten wir noch eine Aufgabe: Feuermachen mit dem was die Natur uns bietet und einem Feuerstahl. So suchten wir uns die unterschiedlichsten Pflanzen und Gräser. Der Trick für das Feuermachen mit Feuerstahl ist hierbei, ein Nest aus feinen Gräsern zu bauen, in das die Funken geschlagen werden. Als Brandbeschleuniger eignet sich zum Beispiel Harz oder Kienspan. Nachdem wir nun unser Wissen verbessert hatten schulterten wir wieder unsere Kiste, zu der sich langsam eine gewisse Hassliebe entwickelte und begaben uns auf den Weg zum nächsten Ziel. Wir erreichten einen Zwischenstopp und konnten uns mit der Nahrung, die wir den ganzen Tag mit uns trugen, verpflegen. Der positive Nebeneffekt: Die Truhe wurde dabei auch leichter. Frisch gestärkt und voller Tatendrang machten wir uns auf unser Ziel zu erreichen. Nach einem weiteren Marsch gelangten wir ohne uns zu verlaufen zum nächsten Checkpoint. Dort sollten wir die verschiedenen Möglichkeiten ausprobieren wie man Feuer ohne Feuerstahl, Feuerzeug oder Streichhölzer macht. Ein Teilnehmer versuchte mit einer Wasserflasche das Licht so zu brechen, dass es eine Zündquelle ausreichend erhitzt. Wären Wolken nicht dazwischen gekommen hätte er es geschafft. Wir restlichen drei Teilnehmer bauten uns einen Feuerbogen, dabei wird durch Reibung auf ein Weichholzbrett glimmende Späne erzeugt, die anschließend zu brennbarem Material hinzugeführt werden. Das Feuerbogenbauen gelang uns gut doch leider schafften wir es nicht, damit unseren Zunder zum brennen zu bringen. Unser Ausbilder erzählte uns, dass diese Technik auch bei Experten oftmals nicht funktioniert. Vielleicht schaffen wir es nächstes Mal.

Nun machten wir uns auf, das letzte Ziel zu erreichen. Mit Teamwork, Muskelkraft und Wille schafften wir es unsere Truhe und uns zum finalen Punkt auf der Karte zu wuchten. Am Punkt angekommen bot sich ein kleiner Teich inmitten des Waldes, wir waren endlich angekommen. Jetzt konnten wir in aller Ruhe unser Essen vertilgen. Als dies geschehen war, packten wir unsere Sachen und warteten auf die Erklärung des Ausbilders, wie wir jetzt wieder zurückkommen. Die Antwort war knapp: „So wie wir hergekommen sind, wir müssen den ganzen Weg zurücklaufen“. Mit leichtem Stirnrunzeln und den Gedanken an die kommenden Stunden Marsch mit unserer Truhe, setzten wir uns in Bewegung. Der Ausbilder setzte sich an die Spitze und führte uns. An einem Parkplatz hielt er plötzlich und ließ die Maske der Ernsthaftigkeit fallen. Mit einem Grinsen schaute er uns an und sagte, dass wir hier abgeholt werden würden. Erleichtert setzten wir uns auf unsere Truhe und warteten auf unseren Abholer.

Wieder an der Scheune angekommen, packten wir unsere Sachen und verabschiedeten uns. Wir waren alle stolz auf die Leistung, die wir erbracht hatten und das Wissen, das wir uns angeeignet haben. Ich habe die Erfahrung der letzten zwei Tage sehr genossen und hoffe, dass dieser Survival-Workshop öfter angeboten wird. Ich bin davon überzeugt, dass das dort vermittelte Wissen in einer Notlage einen entscheidenden Ausschlag geben kann und im Worst-Case Szenario Leben retten kann.

Mein Dank geht hierbei an alle Organisatoren und den Ausbilder J. der sich sehr viel Mühe gegeben hat und das Wissen mit Spaß und Expertise gut weitergeben konnte.